Von Julian Schlüßel
Markteinordnung Juli 2026
Rückblick 1. Halbjahr 2026
Das erste Halbjahr 2026 war von geopolitischen Spannungen – insbesondere der militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran – sowie von starken Schwankungen der Ölpreise, Zinsen und Wechselkurse geprägt. Die meisten Aktienmärkte entwickelten sich dennoch positiv: DAX +2,0%, S&P 500 +8,7%, MSCI World +8,9%, EURO STOXX 50 +9,1%, MSCI Emerging Markets +23,8% und Nikkei 225 +39,1%. Die europäischen Aktienmärkte profitierten von soliden Unternehmensgewinnen und einer überdurchschnittlichen Entwicklung des Finanzsektors, während die US-Märkte insbesondere durch Technologie- und Kl-Unternehmen gestützt wurden. Die Schwellenländer wurden von attraktiven Bewertungen, hohen Gewinnsteigerungen und einer starken Nachfrage nach asiatischen Halbleitern getragen. In Japan trugen der Technologiezyklus, fortschreitende Unternehmensreformen und der zeitweise schwache Yen zu einer außergewöhnlich positiven Marktentwicklung bei. Der Hang Seng entwickelte sich mit -11,5% deutlich schwächer. Belastend wirkten insbesondere die verhaltene chinesische Binnennachfrage, die weiterhin angespannte Situation im Immobiliensektor sowie handelspolitische und regulatorische Unsicherheiten.
Umfeld und Perspektive 2. Halbjahr 2026
Das Kapitalmarktumfeld bleibt im zweiten Halbjahr grundsätzlich konstruktiv, zugleich jedoch anfällig für geopolitische und geldpolitische Rückschläge. Das ifo Institut erwartet für 2026 ein Wirtschaftswachstum von rund 2,0% in den USA, 0,6% im Euroraum und 4,5% in China. Gegenüber der zu Jahresbeginn veröffentlichten Winterprognose wurden die Erwartungen für die USA um ca. 0,2 Prozentpunkte und für den Euroraum ca. um 0,3 Prozentpunkte reduziert. Die Prognose für China blieb unverändert.
Europa wird stärker durch höhere Energiekosten und die Schwäche der Industrie belastet, während die USA weiterhin von Investitionen in Kl, Rechenzentren und Infrastruktur profitieren. In China dürfte sich die Wirtschaft stabilisieren. Der Immobiliensektor und die verhaltene Binnennachfrage bleiben jedoch Belastungsfaktoren. Nach dem zwischenzeitlichen Preissprung erscheint eine dauerhafte Rückkehr des Ölpreises zu den Höchstständen derzeit nicht als Basisszenario. Eine geopolitische Risikoprämie dürfte jedoch bestehen bleiben. Im Technologiesektor bleiben die Wachstumsaussichten positiv. Hohe Bewertungen und umfangreiche Investitionsausgaben erhöhen allerdings das Rückschlagpotenzial.
Inflation, Zinsen, Renten
Die Inflation stieg im ersten Halbjahr vor allem aufgrund höherer Energiepreise wieder an. Im Juni 2026 lag sie in den USA bei rund 3,5% und in der Eurozone bei etwa 2,8%. Für das Gesamtjahr belaufen sich die zugrunde gelegten Prognosen auf rund 3,2% für die USA beziehungsweise 2,9% für die Eurozone. Die EZB hat den Einlagensatz im Juni auf 2,25% angehoben. Für den weiteren Jahresverlauf erscheint ein zunächst unverändertes Zinsniveau plausibel. Der Zinspfad bleibt jedoch insbesondere von der Entwicklung der Energiepreise, der Kerninflation und der Konjunktur abhängig. Der Leitzins in den USA liegt aktuell bei 3,50% bis 3,75%. Aufgrund der hartnäckigen Inflation besteht nur begrenzter Spielraum für Zinssenkungen.
Der seit Mai amtierende Fed-Vorsitzende Kevin Warsh betont Preisstabilitat und eine datenabhangige Geldpolitik, ohne sich auf einen konkreten Zinspfad festzulegen. Zehnjahrige Bundesanleihen rentieren derzeit bei etwa 3,1%, zehnjahrige US-Treasuries bei rund 4,6%. Unternehmensanleihen guter Bonität bieten weiterhin attraktive Renditen. Die Risikoaufschlage liegen jedoch bereits auf vergleichsweise niedrigem Niveau.
Währungen, Gold, Bitcoin, Ölpreis
Der Euro verlor im ersten Halbjahr gegenüber dem US-Dollar rund 2,8% und fiel von etwa 1,17 auf 1,14 US-Dollar. Höhere US-Renditen, das stärkere amerikanische Wachstum und die Nachfrage nach dem Dollar als Sicherheitswährung wirkten unterstützend. Der Goldpreis gab im ersten Halbjahr in US-Dollar gerechnet rund 7% nach, da steigende Realzinsen und der festere Dollar die Nachfrage belasteten. Strategisch bleibt Gold dennoch eine sinnvolle Absicherung gegen geopolitische Risiken und Vertrauensverluste im Finanzsystem.
Bitcoin verlor zwischen seinem bisherigen Jahreshoch und dem anschließenden Tief zeitweise mehr als 30% und bleibt aufgrund seiner hohen Volatilität eine spekulative Beimischung. Im Zuge der militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran stieg Brent-Rohöl zeitweise von rund 64 auf mehr als 126 US-Dollar je Barrel – nahezu eine Verdoppelung – und fiel anschließend wieder deutlich zurück. Für den weiteren Jahresverlauf erwarten wir aufgrund der schwer prognostizierbaren Entwicklung des Nahostkonflikts weiterhin starke Preisschwankungen.
Aktien
Die Aktienmärkte zeigten sich trotz der geopolitischen Belastungen robust. Besonders gefragt waren Technologie und Finanzwerte sowie asiatische Halbleiterunternehmen. Für das zweite Quartal 2026 werden gegenüber dem Vorjahresquartal deutliche Steigerungen der Gewinne je Aktie erwartet: für den S&P 500 rund 21,1%, für den STOXX Europe 600 rund 13,5%, für den TOPIX rund 27,1% und für den MSCI Emerging Markets rund 56,7%. Da die Berichtssaison zum Redaktionsschluss noch nicht abgeschlossen war, handelt es sich überwiegend um Konsensschätzungen. Sollten sich diese im weiteren Verlauf bestätigen, wäre die bisherige Kursentwicklung zunehmend auch fundamental unterlegt.
Besonders positiv bleiben die Perspektiven für Halbleiter, Rechenzentren, Stromnetze und industrielle Kl Anwendungen. Die hohen Bewertungen großer US-Technologiekonzerne sind allerdings nur bei anhaltend hohen Wachstums- und Margensteigerungen zu rechtfertigen. Enttäuschungen bei der Monetarisierung von Kl oder steigende Finanzierungskosten könnten daher deutliche Kurskorrekturen auslösen. Wir bevorzugen weiterhin Unternehmen mit stabilen Cashflows, soliden Bilanzen und hoher Kapitalrendite.
Fazit
Gerade in einem anspruchsvollen Marktumfeld kommt es darauf an, nicht jeder kurzfristigen Bewegung zu folgen, sondern den Blick auf Qualität, Substanz und die langfristige Vermögensstrategie zu richten. Ein global diversifiziertes Portfolio, verbunden mit einem aktiven Risikomanagement, bildet dafür weiterhin eine belastbare Grundlage. Infrastruktur, ausgewählte Private-Equity- Investments und Gold können die strategische Asset Allokation gezielt ergänzen. Für Unternehmerfamilien greift eine isolierte Betrachtung der Kapitalmarktanlagen jedoch zu kurz. Entscheidend ist das Zusammenspiel mit Unternehmensbeteiligungen, Immobilienvermögen, Private-Market -Investments, Finanzierungen und den absehbaren Liquiditätsbedarfen der Familie. Deshalb bleiben ausreichende Liquiditätsreserven, regelmäßige Portfolioanalysen und eine konsequente Anpassung der Allokation zentrale Voraussetzungen für eine langfristig tragfähige Vermögensstruktur.
